• Vanessa Elleder

Ein Tod, kein Tod, mein dicker Bauch

Aktualisiert: vor 6 Stunden


Das nervtötende Telefon läutet, dessen Klingeln ich sogar im Baumarkt zu hören bekomme, weil die das gleiche Diensthandy haben. Ich bin darauf konditioniert wie ein Pawlowscher Hund. Es ist der Radiologe. Er sagt mir, dass die Magnetresonanztomografie von der jungen Patientin, mit dem Mammakarzinom in der Anamnese, fertig ist. Rasch logge ich mich im Computer ein und scrolle die Bilder durch. Wie erwartet zeigt sich eine Metastase. Natürlich nicht hundertprozentig sicher ohne einem Gewebebefund, aber häufiges ist häufig, wie unser gefühlt hundertjähriger Chef immer altklug betont. Wo er recht hat, hat er recht, aber ein Augenrollen kann sich dabei eigentlich nie wer verkneifen.

Die singuläre Metastase muss operiert werden, damit eine weitere Therapie angeboten werden kann. Voller Tatendrang, die junge Frau über ihren Befund aufzuklären mit dem Gedanken den Eingriff möglicherweise selbst durchführen zu können, eile ich zu ihr auf die Nachbarstation. Mein eigener Rücken tut weh, aber kein Wunder nach bereits fünfzehn Stunden Dienst. Mehr als die Hälfte davon ist bereits geschafft und nach dem Aufklärungsgespräch wird Essen bestellt, hoffentlich nicht wieder Pizza, die Hose zwickt in letzter Zeit und der Sommer kommt.

Auf der Station angekommen, finde ich keine junge Frau vor, sondern ein Wrack. Die Haare waren gerade mal drei Zentimeter nachgewachsen mit kahlen Stellen dazwischen. Die Augen sind rot, die Wangen nass, ein Schatten ihres einstigen wunderschönen Antlitzes. Ich fühl mich schlagartig damit konfrontiert vor ihr die Haltung zu wahren, professionell zu wirken, denn eigentlich will ich weinen.

Ich kläre sie auf. Sie sagt sie möchte den Eingriff trotz aller Risiken, denn sie muss leben, sagt sie, sie hat zwei kleine Kinder, die auf sie warten; ihre Stimme ist dabei fest und klar.

Als ich sie anblicke, sehe ich keineswegs ein Wrack oder einen Schatten. Nein. Ihre Stärke ist beeindruckend, beinahe einschüchternd.

Ich sehe eine Frau, die schon einmal um ihr Leben gekämpft hat und die es wieder tut, komme was wolle. Ich sehe einen Menschen, der mich in Sekunden aus dem Trott des Systems herausgeholt hat und mir damit zeigt, warum ich all das hier tue.

Mit meinem dicken Bauch und dem Kreuzweh komme ich mir blöd vor auch nur einen Moment darüber gejammert zu haben.

Wie der restliche Dienst war? Na ja wie immer halt: Die Pizza ist bestellt, eine Tablette Ibuprofen zergeht im Magen und nach der Arbeit werden die Laufhosen angezogen anstatt den Jogginghosen. Natürlich erst nach dem Nickerchen.





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