• Vanessa Elleder

Schweißalarm

Aktualisiert: vor 6 Stunden


Aus Sicht von Ivy



„Das darf echt nicht wahr sein, scheiße. Genau auf der Nase. Mist, grad‘ heut“, sag‘ ich zu mir selbst. In der Spiegelung meines iPhone X seh‘ ich mich zweimal, weil ein fetter Riss durchs‘ Display läuft. Aber meine Eltern kaufen mir kein Neues - ätzend. Ich soll besser auf meine Sachen aufpassen, echt ein Witz. Genau auf meiner Nasenspitze ragt das Ding in die Luft. Ich hab‘ extra eine doppelte Schicht Foundation aufgelegt und mit dem neuen Beautyblender verteilt, damit sie makellos einzieht. Trotzdem sieht man diesen ekligen Pickel. Ob man den auch auf den Selfies sieht? Filter drüber und basta. Von der Dagibee, die ist einfach die coolste Influencerin, läuft grad‘ ein mega Gewinnspiel auf Instagram, die verlost tatsächlich für das süßeste Selfie ein Apple Macbook - der Wahnsinn! Hab‘ mir extra total viele Videos reingezogen von Nikkie Tutorials, die ist die absolut beste Make-Up Artistin, die man auf YouTube findet. Aber den Pickel hab‘ ich trotzdem nicht abdecken können, man sieht ihn immer noch. Leider hab‘ ich wegen diesem Insta Event alle Hausaufgaben vergessen. In der Früh, vor der ersten Stunde, hab‘ ich einfach schnell von der Lara abgeschrieben. Da kommt die olle Gangaufsicht ins Klassenzimmer und guckt mir über die Schulter. „Was machst du da?“, fragt sie mich. Am liebsten hätt‘ ich gesagt: „Na abschreiben, haben Sie ihre Aschenbechergläser daheim vergessen?“ Tatsächlich ist mir das aber rausgerutscht und die hat sich tierisch aufgeregt. Gar nicht mehr eingekriegt hat sie sich, lächerlich, wie sie da rumgeschrien hat vor allen. Egal, deshalb hab‘ ich länger bleiben müssen und der Bus fährt erst in einer halben Stunde. Drei ganze Stunden von meinem wertvollen Nachmittag sind draufgegangen wegen der Standpauke. Meine Eltern werden auch noch benachrichtigt, oh Mann, da wird es daheim auch noch was geben. Am Weg zum Bus merke ich, dass meine kleinen Zehen wehtun, ich hab‘ mir heute die neuen High Heels angezogen. Na gut, so high sind die auch wieder nicht, höhere Haken erlaubt der Papa aber nicht, immerhin sind die so hoch, dass die kleinen Zehen unter den Riemchen aussehen wie die lilafarbenen Skittles. Doch was soll‘ ich denn machen, wenn die so gut zu dem Kleid mit dem Schößchen passen? Geht eben nicht anders. Außerdem hatten die Lara und die Sara letzte Woche auch welche an und haben alles auf Facebook gepostet, ohne mich, weil ich Sneakers an dem Tag getragen hab‘. Ich will es nicht zugeben, aber es fällt mir schwer ordentlich zu gehen. Die Füße schmerzen und ich rutsch‘ in den Schuhen hin und her, weil ich so schwitz‘, denn heut brennt die Sonne runter. Hoffentlich hält mein Make-Up, grauslich, wie ich ausrinn‘. Mit jedem Schritt geh‘ ich etwas vorsichtiger, noch dazu ist der Boden uneben. Ich schau‘ sogar vom Handy auf und pass‘ auf, wo ich hintrete. Wie peinlich wär‘s, wenn ich mit diesen Schuhen stolpere. Mein Handy piepst - Benachrichtigung von Instagram - jemand hat mein Selfie geliked. Innerer Freudenschrei in Ultraschallfrequenz. Da muss ich einfach schauen, wer das gewesen ist. Da passiert‘s. Ein Tritt. Ein Knacks. Der Fall. Ich lieg am Boden. Oh Gott, bitte saug‘ mich einfach in diesen Asphalt ein. Mach‘, dass er mich verschluckt. Und nimm allen Leuten das Augenlicht, nur für ein paar Sekunden, bitte, ich verspreche, ich wünsch‘ mir auch nichts zu Weihnachten - außer das MacBook, falls das Gewinnspiel auf Instagram nichts wird. Auf den bestehe ich nämlich, denn mein Laptop ist wie ein Dinosaurier, nachdem man ihn wieder ausgegraben hat - aber ansonsten wünsch‘ ich mir eh nichts. Boah, mein Knie pulsiert ja jetzt schon wie verrückt, scheiße tut das weh. Ich will gar nicht wissen, wie das aussieht - ob man die Kniescheibe sieht? Und ich möcht‘ gar nicht erst wissen, wie dämlich die ganze Situation aussieht. Vielleicht bleib‘ ich einfach liegen und tu so, als wär‘ ich ohnmächtig geworden? Dann wär‘s ja viel dramatischer und, naja, nicht meine Schuld, oder? Ansonsten heißt‘s, dass ich mit den Schuhen nicht laufen kann. Ja, das ist ein Plan. Möglicherweise kommt ja irgendein Achtklässler vorbei, der mir aufhilft und ich lieg‘ dann in seinen Armen, weil er so stark und groß ist und mich mühelos trägt. Bester Plan Ivy, ich hab‘s einfach drauf. „Ivy? Was ist mir dir? Geht‘s dir gut?“, fragt eine Stimme, die ich kenn‘. Mist, wo geb‘ ich die nur hin? Welcher von den Oberstufen Jungs könnt‘ das sein? Der Aron? Nein, der klingt anders. Der Daniel? Hilfe, das wär‘s. Wie die Lara und die Sara neidisch wären, wenn sie davon erfahren. Da könnt‘ ich doch glatt eine Insta Story daraus machen. „Wart, ich helf‘ dir-“, sagt mein Retter Daniel. Er fährt mit seinen großen Händen unter meine Arme - zum Glück hab‘ ich die Achseln rasiert. Das sagen die immer bei GNTM, dass man sich ja überall die Haare entfernen lassen soll, die wissen halt wie‘s läuft. Ich lass‘ meine Augen noch ein bissi zu, damit‘s glaubwürdiger ist. Ich hör‘ den Daniel massiv schnaufen. „UMPFHH“ und „UUAAHH“ kommen aus seinem Mund. Bin ich so schwer? Hab‘ mir eh gedacht, dass das Kleid heut ein bisserl streng zugegangen ist und gestern war ja ein Kilo mehr auf der Waage - ich hab gewusst, ich sollt‘ den McFlurry nicht essen vorgestern, der ist direkt in die Muffin Tops gewandert, klasse. Ab morgen gibt‘s wieder Sirtfood Diät. Ich stöhn‘ ein wenig und blinzle vorsichtig mit den Augen. Der Daniel hat‘s tatsächlich geschafft mich aufzurichten und ich lehn‘ jetzt an der Wand, ich spür‘ seinen erhitzten Körper neben mir. Wie gut der duftet, Calvin Klein oder Davidoff - egal, beides riecht super. Er atmet noch etwas schwer. Ich lehn‘ mich sachte an seine Schulter und ich spür‘, wie er mir Wind zufächert. Was. Für. Ein. Gentlemen. Ich öffne meine Augen und seufze tief. Ich blick‘ ein wenig verwirrt umher, gespielt versteht sich, und erblicke meinen Retter. Daniel aus der Achten. Moment. Halt. Nein. Was? Wer? NEIN. Du? „DU?“, kommt aus meinem Mund geflogen, wie ein Ast, der dem Hinteren beim Wandern voll eine Watschen gibt. „Ja...geht‘s dir gut Ivy? Du bist ein bisschen blass. Ist ja auch verdammt heiß heute. Soll ich dir was zu trinken holen?“, fragt Kevin aus meiner Klasse. Jeder. Es hätte wirklich jeder sein können. Aber - OMG - wieso gerade der? Der größte Loser in der Klasse. Nein, sorry, in der Schule. Trägt nur übergroße Bandshirts, ist klein und dick, eine Brille auf der Nase, hat Hasenzähne und spielt in jeder Pause Pokémon Go oder Harry Potter Wizards Unite. Klar, hab‘ ich das auch gespielt als es neu und in war. Jetzt spielen das nur mehr die Nerds. Und genau das ist Kevin. „Soll ich noch mehr fächern?“, fragt er. Ach, was soll‘s. „Ja bitte.“ „Dein Knie sieht ja ganz schön schlimm aus Ivy. Ich kann die Wunde versorgen.“ Oh, das pulsierende Knie. Jetzt seh‘ ich es auch. Aber was will der bitte machen? „Du? Blödsinn, erzähl‘ keinen Schmäh!“ Wehe, der greift mein Knie an. Den Abdruck meiner Finger kann er dann übermorgen noch an seiner Backe sehen. „Ich bin Nachwuchssanitäter. Da ist lauter Dreck drinnen und sie blutet noch. Wenn du das nicht reinigst, entzündet sich die Wunde.“ Ich kann‘s nicht leugnen, mir steht der Mund offen. Und nicht, weil ich merke, dass mir bei meinem Sturz drei meiner aufgeklebten Fingernägel abgebrochen sind und die auf dem Gehsteig verteilt sein müssen, nein, sondern, weil der absolute Oberloser Kevin mich beeindruckt hat. Es klingt nämlich plausibel, was er sagt. Außerdem mach‘ ich mir zum Schluss noch mein Kleid schmutzig. „Und womit sollen wir das machen du Genie?“ Wenn der jetzt mit einem benutzten Taschentuch und seinem Speichel kommt, dann lauf‘ ich auf den Händen weg. Doch mehr muss ich gar nicht sagen. Kevin holt seinen Rucksack hervor und kramt darin. Ich seh‘ irgendwelche glänzenden Spielkarten - wie heißen die nochmal - Magic Karten oder so. Hab‘ gar nicht gewusst, dass man sowas noch ohne Handy spielt. Dann holt er tatsächlich einen Verbandskasten heraus. „Sag nicht, den schleppst du immer mit.“ „Na logo, man weiß ja nie!“ Freak. Nach nicht mal fünf Minuten und mehreren quietschenden Aufschreien, hab‘ ich eine gesäuberte Wunde und einen Verband um mein Knie. Mir bleibt die Spucke weg. Wer hätte das gedacht? „Mit denen wirst du aber nicht laufen können. Wie kann man das überhaupt? Völlig unnötig diese Dinger, findest du nicht?“, fragt er und deutet auf meine High Heels. „Na hör mal, die sind von Humanic, das sind Markenschuhe.“ „Ja, aber drin laufen kann man trotzdem nicht, auch wenn ein Name drauf steht...“ Tja, wo er Recht hat. Ich öffne die Riemchen und schlüpf‘ raus. Mit zugekniffenen Augen seh‘ ich ihm skeptisch zu, wie auch er aus seinen Schuhen schlüpft. Abgetretene schwarze Skaterschuhe. Er hält sie mir hin. Verdattert schau‘ ich ihn an. „Was soll ich damit?“ „Na reinschlüpfen.“ „Nicht dein Ernst.“ „Dort vorne sind Glassplitter.“ „Und du nimmst meine oder wie?“ „Ich hab‘ Socken an, das reicht. Komm, ich helf‘ dir auf.“ Mit einem Grinsen, sodass seine Pausbäckchen zum Reinkneifen einladen, nehm‘ ich seine angebotene Hand und mit einem kräftigen Ruck schwingt er mich hinauf. Nun bin ich fast einen ganzen Kopf größer als Kevin, der mir jetzt gerade einmal bis zum Dekolleté geht. Aber über seine Kraft bin ich schon ein bisschen verwundert. Wie hat mich denn dieser Zwerg vom Boden aufheben können? „Gehst du auch zum Bus?“, fragt er. Was für eine dämliche Frage. Was soll ich denn sonst hier machen? „Ja“, sage ich knapp. „Ach ja, hier, das ist dort vorne gelegen“, sagt er und reicht mir ein Häufchen Elend, das mal mein iPhone X war. Ich muss grinsen. Jetzt müssen mir meine Eltern ein Neues kaufen. „Danke Kevin, für alles.“ „Willst du deine Fingernägel auch noch mitnehmen oder...?“ Ich pruste los. Die ganze Situation ist einfach zu komisch. Ich hab gar nicht gewusst, dass Kevin so lustig ist.




Aus Sicht von Kevin


Pieps. Eine Signalnachricht von Serkan. Ein Raichu ist drüben an der Bushaltestelle bei der Schule - die Weiterentwicklung von Pikachu. Das fehlt mir noch. Genug Hyperbälle hab‘ ich noch. Schnell hin, bevor es weg ist. In der Schule ist nur der Serkan besser in Pokémon Go als ich. Aber das wird sich schon bald ändern. Meine Elektro-Pokémon werden seine Wasser-Pokémon zur Schnecke machen. Da wird er staunen und die anderen auch. Heut‘ ist es heiß, meine Hände sind so verschwitzt. Gut, dass mein Handy das rutschfeste Gummicover hat. Vorsichtig und ohne, dass es wer merkt auf der Straße, beuge ich meinen Kopf zur Achsel runter. Hui. Schweißalarm. Aber zum Glück hab‘ ich das Deo dabei. Neuerdings brauch‘ ich das Teil ständig. Als würd‘ ich endlos schwitzen. Naja, vielleicht liegt‘s auch an meinem schwarzen Nirvana T-Shirt. Unter den Rucksackträgern ist der Stoff ganz nass. Für einen Augenblick halt‘ ich inne. Mit Kurt Cobains Gesicht wisch‘ ich meines ab. Die Brille halt ich vorsichtig in der freien Hand. Mit meinen fünf Dioptrien bin ich fast blind. Aber sie würd‘ ich überall erkennen, auch verschwommen. Da geht sie. Meine Klassenkameradin Ivy. Die ist so hübsch, dass es fast wehtut. Naja, Schmerzen bereitet sie mir nicht wirklich. Seit letztem Jahr hat sie sich mächtig verändert. Das ist der ganze YouTube und Instagram Einfluss, da wett‘ ich drauf. Alle Mädchen gucken das. Ich kann nicht anders, als kurz mein Handy zu checken und schau‘ auf ihr Insta Profil. Hat sie schon wieder ein neues Foto drauf? Die Ivy ist so beliebt, die hat fast tausend Follower. Ich hab‘ nur drei, den Serkan und meine Eltern. Die wollten mich unbedingt kontrollieren, damit ich nichts Verkehrtes auf einer Social Media Plattform mach‘. Das einzig Verkehrte sind die selber. Die haben da eine richtige Freude dran, ständig was zu posten und sich gegenseitig zu liken, obwohl sie nur sich selbst folgen und eh alles gemeinsam machen. Die müssen sich ja nicht über Instagram erzählen, was sie gemeinsam unternehmen? Alles muss man nicht verstehen. Tatsächlich, Ivy hat ein neues Bild hochgeladen. Krass, wie die geschminkt ist. Riesige bunte Augen, dicke Brauen und die Lippen glänzen so extrem, als wären sie permanent nass, wie macht die das nur? Leckt sie ihren Mund die ganze Zeit ab, damit er so aussieht? Auf der anderen Straßenseite steh‘ ich und seh‘ Ivy zu in ihrem bunten Kleid, das so seltsame Teile an der Hüfte hängen hat. Sie hinkt ein wenig beim Gehen, ob ihr was wehtut? Sieht fast so aus, als würde ihr jeder Schritt schwerfallen. In ihrem Handydisplay schaut sie ihr perfektes Ebenbild an und fuchtelt in ihrem Gesicht herum. Das hat sie ja gar nicht nötig, die ist einfach mega schön von Natur aus. Wir sind zwar in der selben Klasse, aber manchmal frag‘ ich mich, ob sie überhaupt weiß, wie ich heiß‘. Aber einmal, beim Schulbuffet, da haben ihr zwanzig Cent gefehlt und ich hab‘ ihr die geborgt. Meine Stimme hat gezittert und ich hab‘ blöde gestottert. Aber sie hat sich so gefreut und mich lieb angelächelt. Bekommen hab‘ ich das Geld nicht mehr, aber das war‘s mir wert. Und da passiert‘s. Genau vor meinen Augen. Ihr Stöckelschuh knickt auf einmal um, ihre Arme schnellen nach oben und sie fliegt wie eine Ballerina zu Boden. Und bleibt liegen. Oh nein. Ist sie tot? Erste Hilfe, die muss ich jetzt leisten. Ja genau, das hab‘ ich gelernt. Immerhin bin ich Sanitäter. Also kein echter, aber im Nachwuchsprogramm. Ich keuche aufgeregt und steh‘ an der Ampel beim Zebrastreifen. Es ist rot. Ich tänzle aufgeregt von einem Fuß zum anderen. Zum Kuckuck, das ist ein Notfall. Einmal links, einmal rechts, kein Auto in Sicht und ich verstoße gegen das Gesetz wie ein Verbrecher, alles für Ivy. Aber ich hab‘ gar keine andere Wahl. Ich steig‘ fast auf ihr kaputtes iPhone drauf, wobei das schon egal wär‘ und steck‘ es ein, daneben liegen - was ist das - Fingernägel? „Ivy? Was ist mir dir? Geht‘s dir gut?“, frag‘ ich mit zittriger Stimme. Ich muss schlucken. Die Sonne sticht gerade extrem und das schwarze T-Shirt war heute definitiv die falsche Wahl, aber was anderes hab‘ ich nicht zum Anziehen. „Wart, ich helf‘ dir-“ Wie war das nochmal mit der Herzdruckmassage? Ich muss Yellow Submarine singen. Aber das kenn‘ ich eigentlich gar nicht. Hab‘ mich bei den Alten nicht fragen getraut, die hätten sicher gelacht. Dreißig Mal pumpen und dann zwei Mal pusten. Mund zu Mund Beatmung, aber das heißt doch...ich kann der Ivy doch nicht einfach so ein Bussi geben?! Oder doch? Reiß‘ dich zusammen Kevin, du musst! Wie pack‘ ich denn jetzt an ohne, dass ich falsche Stellen berühr‘? Ich glaub‘, ich würd‘ vor Scham auf der Stelle sterben, wenn ich versehentlich ihren großen Busen berühr‘. Tot umfallen würd‘ ich, so als trifft mich der Avada Kedavra Fluch direkt aus Voldemorts Zauberstab. Breitbeinig stell‘ ich mich hin und fädle mich unter ihren Armen ein. Wahnsinn, wie gut die riecht. Hoffentlich übertüncht das Deo meinen Schweißgestank. „UMPFHH“, entfleucht mir. Scheiße ist die schwer. Die ist doch so superschlank wie die Models in GNTM, aber so ein lebloser Sack ist nochmal was anderes. „UUAAHH“, schrei‘ ich. Komm schon Kevin, sei kein Schwächling. Mit Willenskraft und vollstem Einsatz schaff‘ ich es, Ivy aufzurichten und lehne sie an die Hausmauer. Sie kommt offenbar langsam zu sich. Geschafft und außer Atem setz‘ ich mich neben sie auf den Boden. Gott sei dank, sie lebt. Oh was ist das? Ihr Kopf lehnt auf meiner Schulter. Die ist bestimmt nass, hoffentlich merkt sie das nicht. Wieso schwitzt man denn überhaupt? Völlig unnötig. Mit großen Augen sieht sie mich an. Ihre langen Wimpern berühren fast ihre Stirn. „DU?“, ruft sie laut. Ich kann ihre Reaktion nicht sicher deuten. Sie klingt überrascht, das ist doch gut, oder? Sie hat nicht mit mir gerechnet. „Ja...geht‘s dir gut Ivy? Du bist ein bisschen blass. Ist ja auch verdammt heiß heute. Soll ich dir was zu trinken holen?“ Mein warmes Red Bull kann ich ihr kaum anbieten, gegen ein kaltes hätt‘ ich jetzt selbst auch keine Einwände. Aber was kann ich sonst für sie tun? Ich nehm‘ meine folierten Magic Karten und fächer‘ ihr Luft zu. Das scheint ihr gut zu tun. „Soll ich noch mehr fächern?“ Was soll die blöde Frage? Natürlich braucht sie das jetzt. Oh oh. Jetzt seh‘ ich‘s erst. Ihr Knie blutet ganz schön heftig. Ich kann kein Blut sehen. Kevin, schau jetzt weg. „Ja bitte.“, sagt sie. Selbst ihre Stimme klingt wie Jessica Albas und lenkt mich von ihrer klaffenden Verletzung ab. „Dein Knie sieht ja ganz schön schlimm aus Ivy. Ich kann die Wunde versorgen.“ Aber hoffentlich kipp‘ ich dabei nicht um. „Du? Blödsinn, erzähl‘ keinen Schmäh!“ Ist sie jetzt beeindruckt? Bestimmt. Außer Serkan und mir hat niemand diesen Kurs absolviert. „Ich bin Nachwuchssanitäter. Da ist lauter Dreck drinnen und sie blutet noch. Wenn du das nicht reinigst, entzündet sich die Wunde.“ Mein ganzer Körper bebt bei der Vorstellung, dass ich gleich Blut sehen muss und ausgerechnet auch noch Ivys. Ich spür‘ diese aufsteigende Übelkeit in der Magengegend. Jap, die kenn‘ ich. Ich schwör‘, wenn ich jetzt vor ihr kotze, dann wechsle ich die Schule. Nein die Stadt, besser noch das Land. Wie sie mich anguckt, ob sie merkt, dass ich sie gleich vollreiher‘? Bitte Gott, lass‘ meinen Cheeseburger dort verweilen, wo er ist, halbverdaut und fast im Klo, aber von der anderen Seite. „Und womit sollen wir das machen du Genie?“, fragt sie. Sie holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich muss mich zusammenreißen, immerhin hab‘ ich einen Eid geschworen beim Ablegen der Prüfung. Zugegeben, es war bloß ein Apell immer hilfsbereit zu sein und es waren Multiple Choice Fragen, dabei waren die anderen Antwortmöglichkeiten so falsch, dass man nur richtig liegen konnte. Als ob man fragt, ob das Glumanda ein Feuer oder ein Wasser-Pokémon ist oder ob Harry Potter zu Gryffindor oder Slytherin gehört. Babyleicht. Ich kram‘ in meinem Rucksack und hol‘ ein kleines Verbandsset raus. Was habe ich mit meinen Eltern gestritten, weil sie darauf bestanden hatten, dass ich immer einen Erste Hilfe Kasten mit dabei habe. Auf die kleine Version hatten wir uns schlussendlich geeinigt und Mann, bin ich froh, dass ich jetzt damit auftrumpfen kann. „Sag nicht, den schleppst du immer mit.“, sagt sie sichtlich beeindruckt. „Na logo, man weiß ja nie!“ Ich frage mich, wie ich solch optimistischen Worte rausbringen kann und hocke mich zu ihrem verletzten Knie. Mann, hat die lange Beine, wie ein Storch. Also schön, was hab‘ ich gelernt. Sauber machen. Desinfektionsmittel. Ich zuck‘ zusammen, weil Ivy schreit, als hätt‘ ich ihr Bein durchgesägt. Das Zeug brennt vermutlich. Mit den Tupfern wisch‘ ich vorsichtig drüber und entferne den Unrat von der Wunde. Bei jeder Berührung kreischt sie im Hochtonbereich. Mir rinnt der Schweiß am Rücken runter und ich hoff‘ wirklich, dass sich der nicht in meiner Unterhose sammelt und bis zur Hose alles aufweicht. Irgendwohin muss er ja laufen. Nur bitte nicht jetzt, wenn Ivy die ganze Breitseite sehen kann. Die glaubt dann noch, ich hab‘ mich angepisst. Aber ihr zu sagen, dass es nur Schweiß ist, klingt auch nicht besser. Jetzt nur noch den Verband drum herumwickeln und fertig ist es. Ich hab‘s tatsächlich geschafft. Meine Tutoren wären richtig stolz. So und nun? Tragen kann ich sie sicher nicht, meine Muckis hab ich heut‘ zu Hause gelassen. Und wenn sie weiter in diesen Schuhen läuft, fällt sie garantiert aufs andere Knie. Wozu quält man sich damit? Sie ist ja ohnehin schon so groß, sollen ihre Beine bis zum Mond langen oder was soll das? „Mit denen wirst du aber nicht laufen können. Wie kann man das überhaupt? Völlig unnötig diese Dinger, findest du nicht?“ Hab‘ ich das gerade wirklich laut gesagt? „Na hör mal, die sind von Humanic, das sind Markenschuhe.“, schnaubt sie. Die schlagfertigen Antworten dürfen nun herbeigeflogen kommen. „Ja, aber drin laufen kann man trotzdem nicht, auch wenn ein Name drauf steht...“, sage ich. Ein Flachwitz, was soll‘s. Noch kann ich es toppen. Ich geb‘ ihr einfach meine Schuhe. Gemütliche Sneakers, die passen ihr bestimmt. Sie schaut mich an, dann die Schuhe, dann wieder mich. „Was soll ich damit?“ „Na reinschlüpfen.“ „Nicht dein Ernst.“ „Dort vorne sind Glassplitter.“ Das weiß ich, weil Serkan heut morgen seine Kakaomilch fallen gelassen hat. Die liegen mindestens noch bis morgen dort. „Und du nimmst meine oder wie?“, fragt sie. Ich muss kichern. Dämliche Vorstellung, ich mit Stöckelschuhen, aber das bringt Ivy bestimmt zum Lachen. „Ich hab‘ Socken an, das reicht. Komm, ich helf‘ dir auf.“ Unbemerkt wische ich meine nasse Hand in der Hose ab und halte sie ihr hin, wie ein Gentlemen eben. Ihre Hand ist zart, die Haut weich und trocken, aber nicht rau, einfach perfekt. Ich muss irgendwas sagen. Wie peinlich ist dieses Schweigen? Wieso redet sie nicht? War meine schwitzige Hand so ekelerregend? Komm schon, Kevin, lass dir was einfallen. „Gehst du auch zum Bus?“ Ernsthaft? Ich habe jetzt die Möglichkeit mit Ivy, mit der Ivy, zu reden und ich frag‘ das? „Ja.“ Mehr sagt sie nicht, wieso auch. Verärgert steck‘ ich meine Hände in die Hosentasche. Was ist denn das? „Ach ja, hier, das ist dort vorne gelegen“, sag‘ ich und reiche Ivy ihr völlig zerstörtes Handy. Meinem wäre das nicht passiert mit dem wasserfesten Gummicover. Sie grinst? Sie grinst! Sie freut sich! Na endlich, ich hab‘ etwas richtig gemacht. „Danke Kevin, für alles.“ Gleich platzt meine Brust vor Stolz. Ivy hat sich gerade bei mir bedankt. „Willst du deine Fingernägel auch noch mitnehmen oder...?“ Hat mir die Sonne eigentlich ins Hirn geschissen? Aber sie lacht. Und ich lache jetzt auch. Sie nimmt‘s mit Humor. Zum Glück. Hab‘ ich ja auch so gemeint.




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